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Kommende Buchkritiken
Wolfskind
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Autor
Ingeborg Jacobs
Genre Erlebnisbericht
Verlag Propyläen ISBN 978-3-549-07371-1 Erscheinungsdatum (D) März 2010 Seiten 320 |
Inhalt
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren tausende Kinder in Ostpreußen auf der Flucht vor der Roten Armee ihre Eltern – sie wurden die „Wolfskinder“ genannt. Auch der kleinen Liesabeth ergeht es so: Die Mutter ist tot, der Vater noch verschollen und ihre beiden Geschwister hat sie im Kampf um Nahrung und das nackte Überleben verloren. Nun irrt sie im benachbarten Baltikum alleine umher, übernachtet in Scheunen und findet manchmal bei Bauern Unterschlupf. Das Betteln ist ihr zur Normalität geworden und gelegentlich ist sie auch gezwungen, Nahrungsmittel zu stehlen. Denn sie findet niemanden, der sich ihr, einem achtjährigen Mädchen, annehmen möchte. Im Gegenteil muss Liesabeth erfahren, wie brutal Menschen werden können, wenn es um die nackte Existenz geht: Sie wird geschlagen, wütende Bauern hetzen die Hunde auf sie und als Achtjährige wird sie brutal vergewaltigt.
Als sie fünfzehn ist, wird Liesabeth beim Klauen erwischt und landet in den Straflagern des Gulag. Lange Jahre soll sie in Haft bleiben, zunächst im Kinderlager, später im Gefangenlager für Frauen. Als sie schließlich entlassen wird, durchquert sie beinahe die gesamte Sowjetunion, immer auf der Suche nach Arbeit, Heimat und ein bisschen Glück. Und immer bewahrt sie sich die Hoffnung, ihre Familie doch eines Tages wieder zu finden.
Buchkritik von Stefanie Rufle
„Wolfskind“ ist die berührende und zutiefst ergreifende Lebensgeschichte der Liesabeth Otto, die sich unter unfassbaren Entbehrungen jahrelang alleine durchschlug. Ohne den Schutz von Erwachsenen gelang es ihr irgendwie, ihr Leben zu bewältigen, einfach zu überleben. „Wolfskind“ ist eine unglaublich tragische und schwere Geschichte, die aber gleichzeitig die unbändige Lebensfreude und den Mut eines kleinen Mädchens aufzeigt, einen Lebensmut, den Liesabeth auch als erwachsen Frau nie verliert. Zugleich schildert „Wolfskind“ ein Schicksal, das sicherlich exemplarisch für das tausender Kinder in diesen Jahren ist. Hier wird Einblick gewährt in ein tragisches Kapitel der deutsch-sowjetischen Nachkriegsgeschichte, das bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist.
Der Autorin Ingeborg Jacobs gelingt es, auf äußerst einfühlsame und behutsame Art und Weise den Lebensweg der Liesabeth Otto aufzuzeichnen, einer starken, unbeugsamen Frau, die mehr als einmal in ihrem Leben über ihre „preußischen Starrsinn“ und die damit verbundenen Folgen gestolpert ist. Einer Frau, die nie in Selbstmitleid versunken ist, die nie das bedauernswerte Opfer sein wollte. Es entsteht das Porträt eines Menschen, der letztlich nur überleben wollte und dabei auch manchen Fehler gemacht hat. Liesabeth berichtet ganz nüchtern von ihren Erlebnissen, übernimmt die Verantwortung für das, was sie getan hat und ist weit davon entfernt, anzuklagen. Gerade deshalb ist „Wolfskind“ ein Buch, das unter die Haut geht und noch lange nachhallt.
Wissenswertes
Liesabeth Otto hat ihre Lebensgeschichte der ZDF-Journalistin Ingeborg Jacobs erzählt, deren Dokumentarfilm über das einstige Wolfskind mit dem World Television Award ausgezeichnet wurde.

