Heimat aus dem Koffer

Autor: Hilke Lorenz
Genre: Erlebnisbericht
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-550-08755-4
Erscheinungsdatum (D) September 2009 Seiten 300

Heimat aus dem Koffer

Inhalt

Das Ende des Zweiten Weltkrieges und auch schon die Monate davor bedeuteten für 14 Millionen Menschen Flucht, Vertreibung und für nur zu viele von ihnen Leid und Tod. Auf der Flucht vor der Roten Armee und vertrieben aus ihrer alten Heimat im Osten waren Vergewaltigungen, Demütigungen, Hunger und Misshandlungen an der Tagesordnung. Die, die in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Heimat fanden, wurden oftmals verspottet und ausgegrenzt, gehörten nicht richtig dazu und durften ihre Sehnsucht nach der verlorenen Heimat nicht ausleben. Ihre furchtbaren Erlebnisse fanden in keinem deutschen Geschichtsbuch Erwähnung, ihre Trauer um das, was sie unwiederbringlich verloren hatten, wurde nie anerkannt. Integration war das Motto der damaligen Zeit und deshalb verloren sich viele Flüchtlinge und Vertrieben in Selbstverleugnung, gewöhnten sich ab, über die Menschen und Orte, nach denen sie sich so sehr sehnten, zu sprechen.

Hilke Lorenz´ Eltern wurden aus Schlesien vertrieben, erlebten die grausame Flucht am eigenen Leib. Die Autorin sprach mit vielen Betroffenen und auch deren Kinder über den schwierigen Neubeginn in einem fremden Land, über ihr neues Leben. Hier kommen Menschen zu Wort, die Zeugnis ablegen können über Ereignisse, die in der bundesrepublikanischen Erinnerung kaum Erwähnung finden.

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Beinahe jeder von uns hat sie noch im Verwandten- oder Bekanntenkreis. Freunde, Onkel, Großmütter oder Väter mit rollendem R in der Aussprache, die aus dem Sudetenland, aus Ostpreußen, Schlesien oder Bessarabien kommen. Doch was wissen wir wirklich über deren Vergangenheit, über den Verlust von Heimat und Menschen, über Flucht und Vertreibung und den schwierigen Neuanfang in der Bundesrepublik Deutschland? Das Schicksal der Vertriebenen und Flüchtlinge nach 1945 findet bis in die heutige Zeit hinein kaum Erwähnung oder gar Anerkennung. Diesen Menschen wurde damals alles genommen, kaum etwas von ihren Habseligkeiten durften sie mitnehmen. Sie wussten nicht, ob und wie sie überleben würden. Der Neuanfang war schwierig, denn sie waren, obwohl deutsch, doch die Fremden, weshalb sie sich bemühten, dazuzugehören, ihr Anderssein zu verbergen. Das ist es, was in jedem der von Hilke Lorenz geschilderten Schicksale besonders hervortritt: Es fand ein Verlust der eigenen Identität statt, Erinnerungen, Sehnsüchte nach der verlorenen Heimat wurden in einem verborgenen Kästchen weggesperrt. Was bei all den geschilderten Tragödien gemeinsam ist: Der Schmerz wirkt noch bis heute, hat nichts von seinem Schrecken verloren.

Behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen schildert die Autorin ein Stück deutsche Geschichte, das so schmerzvoll und ergreifend ist und doch kaum Erwähnung in den Geschichtsbüchern findet. Gerade deshalb ist „Heimat aus dem Koffer“ ein so wichtiges und wertvolles Buch, denn hier erzählen einige wenige Zeitzeugen stellvertretend für 14 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen vom Leid, von der Wut, der Trauer und dem ewig andauernden Verlust. Lorenz zeigt auf, wie sehr sich die nachfolgende Generation oftmals von ihrer Vergangenheit distanzierte und dass manchmal erst die Enkel in der Lage waren, sich die Geschichten der Heimatlosen anzuhören. „Heimat aus dem Koffer“ ist ein Tribut an all jene, die bis heute darauf warten, dass ihre Geschichte wahrgenommen wird, die sich bis heute verzweifelt nach ihrer Heimat sehnen. Gleichzeitig ist es ein Buch, das zu mehr Verständnis für eine Generation auffordert, die nie richtig gelernt hat, über das Schreckliche und Unfassbare zu sprechen.

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