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Kommende Buchkritiken
Der Milchmann in der Nacht
Nocnoi molocnik
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Autor
Andrej Kurkow
Genre Roman
Verlag Diogenes ISBN 978-3-257-06727-9 Übersetzung Sabine Grebing Erscheinungsdatum (D) Oktober 2009 Erschienen 2009 Seiten 544 |
Inhalt
Von drei Schicksalen erzählt „Der Milchmann in der Nacht“:
Die aus einem kleinen Dorf stammende Irina verkauft ihre Muttermilch jeden Tag für lächerlich wenig Geld, während ihre Tochter zu Hause Milchpulver bekommt. Ihre missliche Lage ändert sich, nachdem sie Jegor kennenlernt.
Der in Kiew lebende Semjon schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten für einen lokalen Politiker durch. Des Nachts verlässt er das eheliche Bett um sich mit einer anderen Frau zu treffen – nur dass er von seinem zweiten Leben nichts weiß, denn er ist „mondsüchtig“.
Als dritter im Bund lebt Dima mit seiner Frau Walja am Rande der Stadt. Ein lukrativer Raub auf dem Flughafen bringt dem Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes ein paar ominöse Ampullen ein. Zu Beginn glaubt Dima noch, auf einer Goldgrube zu sitzen, aber dann werden seine beiden Kollegen wegen dieser geheimnisvollen Flüssigkeit umgebracht.
Buchkritik von Jane Fritsche
„Es gibt Geschichten, die beginnen eines Tages und gehen nie zu Ende. Sie können einfach nicht enden, weil sie mit ihrem Beginn Dutzende einzelne Geschichten hervorbringen, von denen jede ihre Fortsetzung hat.“ (Andrej Kurkow)
Die drei Schicksalsgemeinschaften Irina & Jegor, Veronika & Semjon und Walja & Dima erzählen vom gegenwärtigen Leben in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und ihrer dörflichen Umgebung. Andrej Kurkow beginnt seinen Roman nicht am Tag, sondern in der Nacht. Das Motiv des Phantastischen spielte von je her eine Rolle in der russischen Literatur und auch hier findet es sich wieder, denn viele seiner Figuren gehören zu den „Mondsüchtigen“. Die Nacht gehört eigentlich den Schlafenden, doch das harte Leben in der wirtschaftlich unsteten Ukraine gibt andere Regeln vor. So entsteht eine nächtliche Subkultur der Gelegenheitsjobs und des Schwarzmarkthandels. Wer sein Geld nicht auf ehrliche Art verdienen kann, tut es eben auf andere Weise. Die Unterschiede zwischen der Stadt– und Dorfbevölkerung markieren sich weniger im menschlichen Miteinander, als vielmehr am gesellschaftlichen Status, der nur mit Geld zu erringen ist. Wenn Kurkow eine seiner Figuren resümieren lässt: „Das ganze Land ist eine einzig alleinstehende Mutter!“ klingt das nur im ersten Moment schwermütig und pessimistisch, weil es im Blick auf die gesamte Geschichte eher wie eine nüchterne Feststellung wirkt. Denn das „Sich Abfinden mit Dingen, die man nicht ändern kann“ gehört ebenso zur ukrainischen Natur (nach Andrej Kurkow) wie ein unerschütterlicher Optimismus, den alle Figuren gemeinsam haben.
„Der Milchmann in der Nacht“ wird meisterlich erzählt, steckt voller Ironie und ist mit makabrer Situationskomik („plastinierte Ehemänner“) versehen. Die Fülle an Subtexten verlangt eine genaue Kenntnis der gesellschaftlichen und politischen Ereignisse unserer Zeit, um sie alle entschlüsseln zu können. Doch auch wenn man den Text nur an der Oberfläche liest, wird man als Leser gefesselt von den rasant voranschreitenden Ereignissen. Lässt Kurkow uns anfangs in dem Glauben, dass die drei Erzählstränge irgendwann zusammengeführt werden, spielt es irgendwann keine Rolle mehr. Denn wie in dem einleitenden Satz formuliert, wird man förmlich mitgerissen von dieser irrwitzigen Odyssee des Lebens, deren Ende angenehm offen bleibt.
