Alle, alle lieben dich

Autor: Stewart O Nan
Genre: Roman
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-05038-2
Erscheinungsdatum (D) Januar 2009 Erschienen 2008
Seiten 411
Übersetzung Thomas Gunkel

Alle, alle lieben dich Songs For the Missing

Inhalt

Kim genießt ihren letzten Sommer vor dem College in vollen Zügen. Sie geht mit ihren Freunden zum Baden im Fluss, fährt in ihrem alten Chevy durch die Gegend und verdient sich ein bisschen Geld dazu. Doch eines Tages verschwindet Kim spurlos. Zwischen dem Strand, wo sie zum Baden war und dem Diner am Highway, in dem sie arbeitet, verliert sich ihre Spur. Fieberhaft beginnen Kims Eltern, ihre Schwester, Freunde und Bekannte der Familie zu suchen – eine Suche, die hoffnungslos erscheint. Es gibt keinerlei Hinweise auf Kims Verbleib und vor allem ihre Eltern sind fast verzweifelt entschlossen, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass Kim unversehrt zurückkehren möge. Doch allmählich verwandelt sich das blinde Zueinanderstehen aller Suchenden – in der Fassade der Solidarität entstehen zunehmend Risse. Zu sehr ist manch einer damit beschäftigt, seine dunklen Abgründe und Geheimnisse nicht ans Licht kommen zu lassen. Und Geheimnisse gibt es mehr als genug in Kingsville, Geheimnisse, die direkt oder indirekt mit Kim und ihrem Leben zu tun haben. Hinweise tauchen auf, Hoffnung kommt und geht und so streichen Monate ins Land. Am Ende kehrt allmählich so etwas wie Normalität ein – und doch ist nichts mehr so wie es war in Kingsville…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

„Alle, alle lieben dich“ ist vor allem eines: Eine Geschichte voller Abgründe und das Psychogramm einer Familie, das zeigt, wie zerbrechlich das Leben ist. Voller Virtuosität und Präzision schildert Stewart O´Nan das furchtbare Verschwinden einer jungen Frau, und welche Auswirkungen es auf deren Mitmenschen hat. Dabei geht es weniger um Kim, als vielmehr um die, die zurückbleiben. Sehr einfühlsam schildert der Autor, wie jeder seiner Charaktere mit diesem plötzlichen Schicksalsschlag umgeht, welch unterschiedliche Strategien Menschen in Ausnahmesituationen entwickeln. Dabei ist es vor allem die Erkenntnis um die Zerbrechlichkeit des scheinbar so Normalen, die den Leser in tiefem Maße berührt und betroffen macht. Kims Familie ist eine Familie, wie viele andere auch – und doch stößt ihr das Unfassbare zu, ist von einer Sekunde zur anderen plötzlich nichts mehr, wie es war. Und da beginnt die heile Fassade zu bröckeln, kommen hinter dem scheinbar Alltäglichen die finsteren Geheimnisse zum Vorschein. Auf geradezu beklemmend präzise Weise gelingt es O´Nan, eine Ahnung von dem entstehen zu lassen, was unter der Oberfläche brodelt, ohne es je direkt auszusprechen. So bleibt vieles ungesagt, entstehen im Kopf des Lesers Vermutungen und dunkle Ahnungen – die weder bestätigt noch verworfen werden. Am Ende möchte man gar nicht mehr wissen, ob Kim nun noch lebt oder nicht. Man wünscht sich nur, dass endlich Ruhe einkehren möge, dass das „normale“ Leben endlich wieder weitergehen kann – ob mit oder ohne Kim. „Alle, alle lieben dich“ ist ein beklemmender und sehr anrührender Roman, der die Gratwanderung zwischen Thriller und Psychogramm mit Bravour meistert.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen