Drachensaat

Drachensaat

Autor Jan Weiler Genre Roman
Verlag Kindler
ISBN 978-3-463-40539-1
Erscheinungsdatum (D) August 2008   Seiten 397

Inhalt

Für ein Versuchsprojekt versammelt der Psychiater Dr. Heiner Zens eine illustre Gruppe psychisch kranker Menschen um sich. In einer abgelegenen Villa im Südschwarzwald quartiert er den Architekten Bernhard Schade ein, der durch einen spektakulären Selbstmordversuch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregte. Hinzu kommen Rita Bauernfeind, bekannt als die Frau, die Luft isst und dadurch schon etliche Kilo Körpergewicht verlor und der türkische Busfahrer Ünal Yilmaz, den die permanenten Haltewünsche seiner Fahrgäste an den Rande des Wahnsinns trieben, und der deshalb ohne Zwischenstopp den gesamten Tank seines Fahrzeugs leer fuhr. Der von Angstpsychosen gebeutelte Briefzusteller Arnold März konnte nur einen kleinen Teil der Post zustellen, der Rest verschwand in seiner Wohnung. Als letztes stößt Benno Tiggelkamp zu der Gruppe, ein wortkarger Mann, der sich nicht von seiner Mutter trennen mochte und deshalb neun Jahre mit ihrer Leiche in der gemeinsamen Wohnung zubrachte.

Dr. Zens nun ist überzeugt davon, dass diese fünf Patienten allesamt an dem von ihm entdeckten „Zens-Syndrom“ leiden und deshalb zwangsläufig Ausgestoßene unserer Gesellschaft seien. Durch Therapiesitzungen und Einzelaufgaben versucht der Psychiater, seinen Patienten Selbstvertrauen und Würde zurückzugeben. Noch ahnt er allerdings nicht, dass dieser Prozess sich bald verselbständigen wird…

Buchkritik von Stefanie Rufle

Stefanie vergibt 4 von 5 Bs „Drachensaat“ ist ein Buch, das vom ersten Moment an herzhafte Lachsalven beim Leser provoziert. Voller Komik und Ironie beschreibt Weiler seine tragisch-komischen Figuren, in deren Leben irgendwann einmal etwas gehörig aus dem Ruder lief. Trotz der humorvollen Schilderungen bleibt dem Leser natürlich nicht verborgen, welch ernste Untertöne dieses Buch anschlägt.

„Drachensaat“ ist ein zutiefst gesellschaftskritisches Buch, das aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger operiert, sondern vielmehr mit einem Augenzwinkern ein Thema behandelt, das aktueller nicht sein könnte. Es geht hier um die Frage, warum einige wenige mit ihrem Gehalt in Saus und Braus leben können, während der Großteil unserer Gesellschaft gerade mal so über die Runden kommt. Leisten unsere „Top-Manager“ wirklich so erheblich mehr als ein einfacher Busfahrer? Die Methoden, derer sich die „Drachensaat“-Gruppe bedient, erinnern dunkel an die Zeiten der RAF – und unterscheiden sich eben auch grundlegend davon. Gerade das ist es wohl, was den Charme von „Drachensaat“ ausmacht – hier menschelt es, und das nicht wenig. Die Art und Weise, wie Weiler die so genannten Massenmedien auf die Schippe nimmt, ist durch und durch sympathisch und vor allem berechtigt. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird hier eine Geschichte erzählt, die an Facettenreichtum kaum noch zu überbieten ist. Schade nur, dass „Drachensaat“ gegen Ende etwas an Tempo und Witz verliert.

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