Ingrid Noll

Biographie

Geboren 29. 09.1935 Autor Stefanie Rufle

Auf die Frage, warum sie sich ausgerechnet für das Schreiben von Krimis entschieden hat, antwortete Frau Noll: „Ich wollte klein anfangen, nicht gleich die „Buddenbrocks“ des 20. Jahrhunderts produzieren. Ich habe mich einfach eher getraut, einen Krimi zu schreiben.“ Glücklicherweise, wird jetzt so mancher Krimifan erleichtert aufseufzen, denn es ist schon ein besonderes Vergnügen, diesen nur scheinbaren Alltagsgeschichten zu folgen, bei denen der latente Wahnsinn hinter der Fassade solider Kleinbürgerlichkeit lauert.

Geboren wurde Ingrid Noll am 29. 09. 1935 in Shanghai als Tochter deutscher Eltern, die im Dritten Reich nach China ausgewandert waren. Ingrid und ihre drei Geschwister besuchten keine Schule, sie wurden von den Eltern unterrichtet – ihr Vater war Arzt. Ingrid begann schon als Kind, kleine Geschichten in Vokabelheftchen zu schreiben, die sie aber vor ihrer Familie versteckte. Als 1949 der Kommunismus Einzug hielt, verließ die Familie China – Ingrid vergrub ihre Geschichten im Garten, schon als Kind galt sie laut eigenen Worten als „Spinnerin“ in der Familie. In Deutschland besuchte Ingrid bis 1954 die Mädchenschule in Bad Godesberg und begann nach dem Abitur, Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren. Nach einigen Semestern brach sie ihr Studium ab und arbeitete in verschiedenen Jobs, bis sie 1959 heiratete.

Dann begann das „ganz normale Familienleben“: Haushalt, drei Kinder, Mithilfe in der Internistenpraxis ihres Mannes. Neben all diesen Aufgaben blieb Noll keine Zeit zum Schreiben und so begann sie ihre Autorenlaufbahn erst im Alter von 55 Jahren, nachdem die Kinder aus dem Haus waren. Was mit Kindergeschichten begann, mündete dann in ihren ersten Krimi, „Der Hahn ist tot“, bei dem sie die Handlung in nur drei Wochen schrieb. Was dann kam, bezeichnet sie selbst als unglaubliches Glück. Um einen geeigneten Verlag zu finden, der ihren Erstling veröffentlichen würde, schrieb sie sich beim Buchhändler zehn Verlagsadressen heraus. Ihr Favorit war aber von vornherein DIOGENES, weil Patricia Highsmith dort Hausautorin ist. DIOGENES nahm ihren Roman sofort an und signalisierte auch, dass durchaus Interesse an mehr Büchern der Autorin bestehen würde. „Der Hahn ist tot“ wurde zum überwältigenden Erfolg. Die Autorin dazu:
"Ja, es ist ein Märchen, aber es stimmt."

Als DIOGENES dann Interesse an Nachschub bekundete, bedeutete das für die frischgebackene Autorin doch einen gewissen Druck. Sie sagt dazu: "Das zweite Buch war schwierig. Liebe Kollegen, die ich damals kennen gelernt habe, haben mir alle das gleiche gesagt. In Deutschland gebe es eine Tradition: Wenn das erste Buch ein Erfolg ist, wird das zweite gnadenlos verrissen. Das hörte ich also von allen Seiten und dachte: 'Um Gottes willen, jetzt schreibe ich ein zweites Buch, was wird mir Schreckliches passieren?' Ich hatte es eigentlich schon fertig und traute mich gar nicht, es dem Verlag zu schicken. Die ermutigten mich jedoch, es wenigstens mal herauszurücken, was ich dann auch gemacht habe." Mit Nolls zweitem Roman „Die Häupter meiner Lieben“, für den sie 1994 den Glauser Autorenpreis erhielt, kristallisierte sich schon ihr ganz eigener Stil heraus: Immer sind Frauen die Täterinnen, Noll schreibt stets aus deren Perspektive. Der Mord ergibt sich einfach so, die Täterin schlittert quasi in das Ganze hinein, sie kann nicht anders, muss so handeln, weil ihr das Leben bisher immer übel mitgespielt hat. Dabei findet die Autorin vor allem zwangsneurotische Personen interessant, graue Mäuse, denen man die Fähigkeit zu morden gar nicht ansieht. Dabei haben die Morde etwas Ireales, sie sind auf beinahe surrealistische Art blutrünstig und geschehen doch mit einem guten Schuss Nonsens. Ingrid Nolls Krimis orientieren sich nie am Muster des klassischen Kriminalromans - vielleicht gerade das ein Grund, warum sie von den „Salzburger Nachrichten“ als die „deutsche Patricia Highsmith“ bezeichnet wurde. Noll erzählt in einem sehr klaren Stil, der aber nur scheinbar unkompliziert ist und obwohl sich in ihren Büchern oft Frauen durch geschickt arrangierte Morde von Männern befreien, will sie sich keinesfalls als Männerfeindin verstanden wissen.

"Ich bin stets aufs Neue darüber verwundert, dass es so viele Leute gibt, die gern lesen, was ich geschrieben habe."
Aber diese begeisterten Leser gibt es tatsächlich zu Genüge. Spätestens mit ihrem dritten Buch „Die Apothekerin“, das 77 Wochen auf den Bestsellerlisten stand, wurde der Name Ingrid Noll Krimifans zum festen Begriff. Noll gilt mittlerweile als erfolgreichste deutschsprachige Schriftstellerin, alle ihre Bücher sind Bestseller und werden u. a. ins Englische, Spanische, Italienische, Schwedische und Ungarische übersetzt. Hans-Günther Bücking drehte 1999 „Die Häupter meiner Lieben“ mit Heike Makatsch, Christiane Paul und Andrea Eckert als Kinofilm. Rainer Kaufmann verfilmte 1997 „Die Apothekerin“ mit Katja Riemann, Jürgen Vogel und Richy Müller und 2000 „Kalt ist der Abendhauch“ mit Fritzi Haberlandt, August Diehl und Vadim Glowna.

Ingrid Noll sagt, sie möchte möglichst alle Altersschichten einmal in ihren Büchern behandeln. Dabei entwickelt sie zuerst die Hauptfigur und dann einen roten Faden, der sich durch die Geschichte zieht. Die Handlung ergibt sich laut eigenen Worten später beim Schreiben, zu dem sie nicht viel benötigt. Nur ein paar ungestörte Stunden und ihre vertraute und liebgewonnene Umgebung. So wünschen wir ihr abschließend viele viele ungestörte Stunden in ihrem alten Fachwerkhaus in Weinheim bei Heidelberg, in dem sie mit ihrem Ehemann lebt, die uns begeisterten Lesern noch so manches Krimivergnügen bescheren mögen. (s1009)

Interviews


Interview mit Ingrid Noll zu (2008).


Bibliographie von Ingrid Noll