John Irving

Biographie

Geboren 2.3.1942 Autor Stefanie Rufle

"Schreiben ist wie Ringen. Man braucht Disziplin und Technik. Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner."(John Irving)
Ob Irving nun ein schreibender Ringer ist oder ein ringender Autor sei einmal dahin gestellt, seine Bücher sind in jedem Fall eine Offenbarung, seine Technik ist genial und seine Geschichten episch, drastisch und von seiner ungewöhnlichen Kindheit geprägt.

Geboren wurde John Winslow Irving am 02. März 1942 in Exeter, New Hampshire als ältestes von vier Kindern - sein ursprünglicher Name war John Wallace Blunt. Seine Eltern ließen sich 1944 scheiden, da war John gerade mal zwei Jahre alt. Seine Mutter verbot seinem leiblichen Vater jeglichen Kontakt zu John - er erfuhr die Wahrheit über ihn erst, als er schon 36 Jahre alt war. Bis seine Mutter in seinem sechsten Lebensjahr Colin Irving heiratete, wuchs John in einem reinen Frauenhaushalt auf. Sein Stiefvater war Professor für russische Geschichte, seine Mutter Krankenschwester - sie war es auch, die ihren Sohn zum Ringen brachte. John war eher ein mittelmäßiger Schüler, seine Legasthenie wurde erst später erkannt. Wegen Charles Dickens, George Eliot und Dostojewski vernachlässigte er die Hausaufgaben in Mathematik und Latein, was für einen Schüler mit Leseschwäche natürlich nicht besonders förderlich war. Mit 14 Jahren begann er dennoch zu schreiben und entdeckte 1967 seine zweite große Leidenschaft – das Ringen. Er stieg in die 60-Kilo-Klasse ein und erhielt hier das beste Training für seine spätere schriftstellerische Laufbahn: Er lernte Geduld, unermüdliches Wiederholen und die Gewissheit, das Tempo selbst bestimmen zu können.

Auf einigen Umwegen begann Irving schließlich sein Studium an der Universität von New Hampshire und lernte dort seinen ersten Mentor John Yount kennen, der ihm riet, sich an ausländischen Universitäten zu bewerben. Er wurde vom Institut für Europäische Studien in Wien angenommen. Kurz vor seiner Abreise dorthin lernte er seine zukünftige Frau Shyla Leary kennen, die er im Sommer darauf heiratete. Als Shyla schwanger wurde, war Johns Zeit in Wien beendet, was ihm allerdings wenig ausmachte, da er nie wirklich gut Deutsch sprechen lernte und ihm Wien zudem zu antisemitisch geprägt war. Über seine Zeit in Wien sagte er später:
"Es war das erste Mal, dass ich von daheim fort kam und eine eigene Wohnung hatte, ein Außenseiter zu sein, das hab' ich hier gespürt. Und gelernt, mein Land von außen zu sehen, das habe ich beibehalten."


Zurück in den USA erhielt Irving ein kombiniertes Stipendium als Autor und Dozent an der Universität Iowa. 1965 wurde sein erster Sohn Collin geboren, was ihn zusammen mit der Tatsache, dass er Student und verheiratet war, vor der Einberufung in den Vietnamkrieg bewahrte. In diesem Jahr erschien auch seine erste Kurzgeschichte und er erwarb seine Kampfrichterlizenz im Ringen.
Am Windham College in Putney, Vermont, bekam er seine erste Anstellung als Dozent. 1968 erschien Irvings erster Roman "Lasst die Bären los", 1969 wurde sein zweiter Sohn Brendan geboren. Sein Durchbruch kam mit "Garp und wie er die Welt sah". Ab diesem Zeitpunkt konnte sich Irving voll und ganz dem Schreiben widmen. Nachdem es zu "Lasst die Bären los" zwar ein Drehbuch aber nie einen Film gegeben hatte, wollte Irving mit "Garp" nochmals einen Versuch starten. Das Drehbuch schrieb Steve Tesich und mit der Besetzung von Robin Williams, Glenn Close und Amanda Plummer war ein Erfolg schon fast vorprogrammiert. Zur Verfilmung von "Hotel New Hampshire" verfasste Tony Richardson das Drehbuch – es kam zu einem dichten temporeichen Film mit Jodie Foster, Rob Lowe, Beau Bridges und Nastassja Kinski.

In der Zeit, als er an dem Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" schrieb, trennte er sich von seiner ersten Frau Shyla. Zu diesem Roman schrieb Irving selbst das Drehbuch, er wurde aber nach vielen Wirrungen erst viel später verfilmt – John Irving hatte hier eine kleine Rolle als unleidlicher Bahnhofsvorsteher von St. Clouds. Von der im Jahr zuvor entstandenen Verfilmung seines Romans "Owen Meany" distanzierte sich der Autor und erreichte, dass der Filmtitel in "Simon Birch" verändert wurde.
In dieser Phase seines Lebens heiratete er seine Agentin Janet Turnball. 1991 wurde sein dritter Sohn Everett geboren. Aus der Tatsache, dass sein 2006 erschienener Roman "Bis ich dich finde" stark autobiographisch geprägt ist, macht der Autor kein Geheimnis, er spricht ganz offen darüber, dass er im Alter von elf Jahren von einer Frau über zwanzig sexuell initiiert wurde. Doch er macht gleichzeitig deutlich, dass er in diesem Zusammenhang niemals von einem sexuellen Missbrauch sprechen würde. Für ihn war "Bis ich dich finde" die Chance, die nötige Distanz zwischen sich und seine Erlebnisse aus der Kindheit zu legen. Über die oft drastischen Sexszenen in seinen Romanen sagt Irving:
"Stimmt, sie sind drastisch. Und zwar aus gutem Grund. Wenn ich zart besaitete Personen - die Wächter des guten Geschmacks - so richtig ärgern kann, dann tue ich das auch."

John Irving, der 1992 in die National Wrestling Hall of Fame, die US-Ruhmeshalle des Ringersports, aufgenommen wurde, lebt heute in Vermont und Toronto und schreibt seine Romane auf alten IBM-Schreibmaschinen, von denen er jeweils mehrere Modelle in Reserve hat. 2007 wurde bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert, doch glücklicherweise gilt er heute - trotz anfangs düsterer Prognosen - als geheilt. Er sagte dazu: "Es ist ein tolles Gefühl, wenn man so eine Diagnose bekommt und noch mal davonkommt. Als würde einem eine Kugel am Ohr vorbeifliegen. man denkt: 'Okay - noch mal Glück gehabt.'" Am 01. März 2012 kam - pünktlich zum siebzigsten Geburtstag des Autors - der Dokumentarfilm "John Irving und wie er die Welt sieht" in die deutschen Kinos.

"Gut schreiben heißt umschreiben, und um gut zu ringen, muß man es immer wieder tun – man muß die Griffe und Bewegungen unermüdlich wiederholen, bis sie einem zur zweiten Natur werden."(John Irving) (s0312)


Bibliographie von John Irving